Individuelle Auslandsaufenthalte

Benjamin Wiesner: 3 Monate auf der Ile de la Reunion

Benjamin Wiesner (E1) berichtet von seinem dreimonatigen Auslandsaufenthalt auf der Ile de la Réunion, einem überseeischen französischen Departement im Indischen Ozean. Der Austausch wird durch das Brigitte Sauzay-Programm des Deutsch-französischen Jugendwerks gefördert. Im Frühjahr wird Benjamins französische Partner für drei Monate nach Karben kommen und mit ihm zusammen den Unterricht an der KSS besuchen. Wir freuen uns schon auf seinen Besuch.

1.Bericht von der Ile de la Réunion im Indischen Ozean vom 24.9.2012

So ich habe es endlich geschafft den ersten Bericht zu schreiben. Ich habe hier relativ wenig Zeit, da ich sehr lange Schule habe und an den Wochenenden immer unterwegs bin. Aber dazu gleich mehr…

Ich fange mal ganz vorne an. Es lief alles wie geplant. In Paris wechselte ich den Flughafen, was zum Glück kein Problem war, da meine Eltern mit dabei waren, und sich meine Mutter an Flughäfen ganz gut auskennt. Beim Rückflug mache ich mir da mehr Sorgen. In Paris (ORLY) trafen wir dann meine Gastmutter Rachel, die gerade aus Canada eingeflogen war. Mit ihr flog ich dann weiter nach St. Denis, der Hauptstadt von La Réunion. Den Flug nutzte ich, und das bereute ich später, keineswegs zum Schlafen. Mein Gastvater holte uns vom Flughafen ab, und dann fuhren wir ca. 1 ½ Stunden nach „La Rivière“, meinem Wohnort. Auf dem Weg konnte ich erkennen, dass abgesehen von ein paar Villen viel Armut herrschte. Nach meiner Ankunft, war ich viel zu müde, um mir auch nur für 5 Minuten das Haus anzusehen, also legte ich mich erst mal für 4 Stunden schlafen. Als ich aufwachte, war es ca. 18 Uhr (auf La Réunion ist es zwei Stunden später als in Deutschland) und mein Austauschpartner, namens Celestin, kam gerade zur Tür herein. Wir haben uns sofort gut verstanden. Er machte mit mir eine Führung durch das Haus und den Garten. Die Familie hat ein verhältnismäßig sehr großes Haus, mit Billiardtisch, Hängematte und Pool. Also eigentlich alles, was man sich nur wünschen kann. Nach dem Abendessen ging ich relativ früh schlafen. Am nächsten Tag durfte ich mich dann bei der Klasse vorstellen (zu meinem Glück war ich im Deutschunterricht und ich konnte das auf Deutsch machen). Dabei wurde ich, wie das auch schon in Bordeaux der Fall war, angesehen, als wäre ich von einer anderen Welt. Aber daran gewöhnt man sich schnell…

Am Wochenende besuchten wir einen großen Markt. Wenn mich nicht alles täuscht, sogar den größten der Insel. Dort wurden alle möglichen Artikel verkauft. Von Obst und Gemüse über Souvenirs bis hin zu Schweinen und Hühnern. Es war sehr interessant mit anzusehen, wie die Händler ihre Angebote durch die Gegend riefen. Außerdem konnte man gut beobachten, wie die Preise in die Höhe schossen, sobald ein Tourist auftauchte.

 Meine Tagesroutine verläuft so:


Ich stehe um 6:30 Uhr auf, frühstücke und um 7:15 Uhr fahre ich mit dem Fahrrad zur Schule, die um 7:30 Uhr anfängt. Das ist anfangs hart, aber man gewöhnt sich daran. Dann gibt es um 11:30 eine 1 ½ stündige Mittagespause.

Ich hatte sehr große Schwierigkeiten, überhaupt ein Wort zu verstehen, und das ist auf die Dauer wirklich frustrierend. Bis jetzt, kann ich eigentlich nur in Mathe, Deutsch, Englisch und Sport richtig mitmachen. Zu dem Deutschniveau der Klasse muss ich sagen, dass wir da mit unserem Französisch viel viel besser sind. Die meisten haben hier schon Probleme, einen einfachen Satz zu formulieren. Genauso sieht es mit dem Englisch aus. 
Was mir noch in der Klasse aufgefallen ist, und das läuft in Deutschland wesentlich besser, ist, dass sehr leise gesprochen wird. Ich habe oft Schwierigkeiten etwas zu verstehen 
Mit meinen Klassenkameraden verstehe ich mich sehr gut, ich kann auch mittlerweile gut mit ihnen sprechen, und verstehe das meiste.

Am darauf folgenden Wochenende gingen Celestin, mein Gastvater Philippe und ich in den Bergen wandern. Da das Gebirge sehr steil ist, war es sehr anstrengend, obwohl wir insgesamt nur 3 Stunden gewandert sind. Was ich da noch nicht wusste, war, dass das nicht die letzte und noch lang nicht die anstrengendste Wandertour für mich sein würde…

Am Sonntag besuchten wir ein Schildkrötenmuseum und gingen an den Strand, das war eine schöne Erholungspause vor der kommenden anstrengenden Schulwoche.

Die Woche verging aber wie im Flug und schon nahte das nächste Wochenende. Dieses Mal sollte es anscheinend nicht so einfach werden. Philippe plante eine 6-stündige Wandertour, in der wir insgesamt einen Höhenunterschied von 1100 Metern überwinden sollten. Ich hielt das erst für einen Scherz, aber das war es keinesfalls. Und am nächsten Tag fand ich mich todmüde um 5:45 im Auto auf dem Weg in die Berge. Anfangs war es sehr schwierig sich über den rutschigen Weg durch die Wolkendecke zu schleppen, aber sobald man hindurch war, gab es viel zu sehen und die Müdigkeit verschwand schnell. Trotzdem war ich natürlich total abgeschlafft und müde als ich oben ankam. Für DIESEN Ausblick wäre ich aber auch 5-mal da hoch geklettert. Nach einer kurzen Mittagspause ging es dann wieder bergab zum Parkplatz. Wieder zuhause ließ ich mich dann wie einen nassen Mehlsack ins Bett fallen.

So, von der darauf folgenden Schulwoche kann ich nicht viel erzählen, jede Schulwoche ist hier irgendwie gleich. Ich habe meinen ersten Mathetest geschrieben, mit einer Note von 7,5/10.

Am Wochenende, und mit diesem Wochenende endet mein erster Bericht, waren wir am Strand. Dort haben wir einen surfähnlichen Sport namens „Bodyboarding“ praktiziert. Am Sonntag war ich dann mit einem kleinen Propellerflugzeug über den Berge unterwegs. Da konnte ich die Insel mal von oben sehen. Wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, war das fantastisch.

2. Bericht von der Ile de la Réunion vom 29.10.2012

So, mittlerweile hat sich hier wieder eine ganze Menge getan. Hauptsächlich werde ich wieder von den Wochenenden erzählen, da ich von der Schule nichts wirklich Interessantes zu erzählen habe.

Das Wochenende nach dem Flug über die Berge war sehr interessant. Am Freitagabend wurde mir von meinem Gastvater mitgeteilt, dass wir wieder eine Wanderung machen. Und wie ich es erahnt hatte, keine leichte. Dieses Mal fuhren wir ca. 2 Stunden in eine Stadt im Zentrum der Insel namens „Cilaos“. Von da aus machten wir uns auf, vorbei an einem kleinen Dorf namens „Mafate“. Dort konnte ich gut sehen, wie es den nicht so wohlhabenden Menschen von La Réunion geht. In diesem kleinen Dorf besteht die Schule aus einer kleinen Klasse mit ca. 25 Schülern. In der „Kirche“ gab es genug Platz für 50 Personen. Also, in diesem Dorf machten wir eine kleine Pause, natürlich nicht länger als 10 Minuten, denn sonst wäre die Wanderung laut Phillippe ja nicht anstrengend genug. Auf dem weiteren Weg sahen wir dann noch eine 78 Meter tiefe Schlucht, in die ein breiter Wasserfall hinein rauschte. Weiterhin begegneten uns im Wald einige Kühe bzw. Bullen, die einem, wenn man nicht vorsichtig war, hinterher rannten. Abends, nach 7 Stunden Marsch, kamen wir an einer kleinen Hütte an, besonders luxuriös war sie nicht. Na ja, zum Schlafen reichte es jedenfalls. Am nächsten Morgen, um 5:30 Uhr, war Phillippe schon auf den Beinen und warf uns aus dem Bett (er ist wohl nie müde…)

Also ging es dann wieder zurück, und weil wir uns ja nicht langweilen wollten, rannten Celestin Phillippe und ich, den Berg herunter, statt wie die anderen gemütlich herunter zu marschieren. Also kamen wir abends um 5 Uhr wieder beim Haus an, mit Blasen an den Füßen und Muskelkater. Aber gelohnt hatte es sich auf jeden Fall, allein schon wegen der schönen Fotos (250 nur von diesem Wochenende). An diesem Sonntagabend erfuhr ich dann schon, dass wir am Dienstag den höchsten Berg der Insel erklimmen würden (Piton des Neiges). In Vorfreude darauf, dass ich 2 Tage Schule verpassen würde, ging ich dann erst mal schlafen… An dem besagten Dienstag ging es um 15 Uhr los: 37°C, Luftfeuchtigkeit: 70%, Steigungswinkel: 45%

Ich glaube, so erledigt wie nach diesem Marsch war ich noch nie. Fünf Stunden sind wir gelaufen, 3 Stunden geklettert. Und bei 15 Meter Höhe ist es egal, ob man angeseilt ist oder nicht, man denkt trotzdem dauernd, dass man fallen könnte.

Phillippe lief nicht mit uns, er musste noch seinen Unterricht beenden. Als wir dann also um 21 Uhr in unserer Hütte schlafen gingen, lief er erst los. Also stellt euch das mal vor: Für unseren Weg brauchten wir 5 Stunden bei Tag. ER nahm einen doppelt so langen Weg bei Nacht und war innerhalb 6 Stunden bei uns. Also kam er um 3 Uhr nachts bei uns an, und genau dann liefen wir auch weiter: UM 3 UHR NACHTS!!! Ich hatte 4 Stunden geschlafen und sollte nun bis zum Gipfel des Berges laufen, der bei 3080 Meter liegt. Warum so früh? Um den Sonnenaufgang zu sehen. Und das war wahrhaftig der Schönste Sonnenaufgang, den ich je gesehen habe. Auch wenn ich ihn bei 5°C weniger genießen konnte…

Nun ja, nach einem kurzen Frühstück ging es dann wieder bergab, und die letzten 120 Höhenmeter kletterten wir fast nur mit Leitern hinunter, weil es sonst zu steil gewesen wäre. Also ging ich dann abends um 23 Uhr zuhause schlafen, und der nächste Schultag war alles andere als lustig, denn ich hatte große Schwierigkeiten, mich wach zu halten.

Gut, dass das die letzte Woche vor den Ferien war. Für die Ferien flogen meine Gasteltern nach Madagaskar und die Großeltern blieben bei uns. Den Freitagabend war ich direkt nach der Schule auf einer Fest, um die Ferien zu feiern. Dort schlief, ich, wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, nicht viel. Ehrlich gesagt ging ich erst am nächsten Morgen um 9 Uhr wieder nach Hause. Aber nein, schlafen, jetzt nicht. Die Ferien sind ja nicht zum Schlafen da. Also ging es gleich weiter zu einer Zuckerrohrfabrik. Dort durfte ich unter anderem den Saft probieren, den man erhält, wenn man Zuckerrohr presst.

Während der Ferien war ich noch auf zwei anderen Feiern. Die größte war mit über 200 Leuten. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, schon einmal auf einer größeren Feier gewesen zu sein. Danach verbrachten wir unsere Zeit am Strand oder am Pool, trafen uns mit Freunden und erledigten unsere Hausaufgaben nebenbei. In dieser Zeit fand auch ein ganz besonderes Ereignis auf La Réunion statt. Der „Grand Raid“. Einer der anstrengendsten Wettläufe der Welt: 170 km Laufweg, 10.000m Höhenunterschied.

Die schnellsten bewältigen den Wettlauf in ca. 26 Stunden. Geschlafen wird da nicht. Der Wettlauf ist nach 60 Stunden vorbei. Wer dann nicht im Ziel ist, hat es eben nicht geschafft. Dieser Wettlauf erstreckt sich über die ganze Insel. Ihr könnt euch das vorstellen wie alle Wanderungen, die ich bis jetzt gemacht habe, (plus einige mehr) am Stück, ohne Pause, Tag und Nacht. Phillippe ist da auch schon mal mit gelaufen, und hat ihn in 48 Stunden bewältigt. Allerdings mit 10 Monaten hartem Training.

Wie dem auch sei, den letzten Ferienabend verbrachten wir am Feuer am Strand, und beobachteten den Sonnenuntergang mit Palmen im Hintergrund. Ganz normal für meine Familie, für mich aber etwas ganz Besonderes.

Das darauf folgende Wochenende werde ich nie vergessen. An diesem Samstag ging ich Fallschirm springen. Mit dem Auto ging es in die Berge. Nach einer kurzen Einführung rannten wir schon auf den Klippenrand zu und dann… Nichts… Leere… 800 Meter über der Erde, alles war weiß. Ein magischer Moment. Der Klippenrand verschwand hinter mir und vor mir öffneten sich die Wolken. Dort oben herrschte absolute Windstille. Hören konnte man auch nichts. Nur gelegentlich flog ein Vogel vorbei. Ich stand über allem anderen auf der Insel. Bevor wir wieder herunter segelten, machten wir noch ein paar Fotos (im Anhang).

An diesem Wochenende machten wir noch einen Ausflug zu den Wasserfällen und zu zwei verschiedenen Stränden um zu schnorcheln. Außerdem haben wir uns noch die versteinerte Lava des Inselvulkans angesehen, den wir nächste Woche besuchen werden. Sehr interessant war auch noch eine Kirche, die wir besucht haben. Die Geschichte dieser Kirche ist folgende:

Im vergangenen Jahr brach wieder einmal der Vulkan aus. Die Lavamassen flossen auf das kleine Dorf zu, in dem die Kirche steht. Die Bewohner flüchteten in die Kirche und beteten, dass sie dieses Unglück überleben würden. Daraufhin teilte sich der Lavastrom direkt vor der Kirche und floss um sie herum. Ob das jetzt wirklich an den Gebeten lag, ist schwer zu sagen. Aber Fakt ist, dass sich der Lavastrom wirklich vor der Kirche geteilt hat und so die Bewohner des Dorfes verschont blieben…

So, das war’s bis hier hin, mehr kommt in ein paar Wochen, kurz vor meiner Abreise. Lange bin ich ja nicht mehr weg. Am 24. November fliege ich zurück. Ich habe bis jetzt knappe 1000 Fotos gemacht…

 

Benjamin Wiesner, H. Göbler-Lingens